Berufliche Vorsorge für Kulturschaffende

21.03.2016 von Andrew Katumba

Der Kanton Zürich soll sich an den Kosten für die Pensionkasse beteiligen

Wie der Volksmund sagt: «Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not.» Dies gilt für alle vorausschauenden und gewissenhaften Arbeitstätigen in unserem Land, die nach ihrer linearen Berufslaufbahn im Alter die Früchte Ihres mühsam ersparten Altersguthaben ernten. Während Jahren haben sie bienenfleissig in die erste, zweite und gar dritte Säule einbezahlt, um sich dann im letzten Lebensabschnitt die langgehegten Träume zu erfüllen.

In Hochglanzbroschüren von Vorsorgeeinrichtungen und Banken wird auf die Vorzüge des privaten Alterssparen hingewiesen und gar mit lukurativen Steuervorteilen der Säule 3a geworben. Denn der Wohlstand im Alter ist direkt abhängig von der Eigenverantwortung jedes einzelnen. Ganz nach dem Credo: „Jeder ist seines Glückes Schmied“.

Doch die heutige Realtität sieht etwas anders aus. Sie steht im harten Kontrast zu den schöngezeichneten Curriculas der Vorsorge-Werbung. Ich möchte Ihnen hier ein Beispiel geben: Die Zahl der Teilzeit-Angestellten in der Schweiz hat sich in den letzten 20 Jahren auf über 300'000 Beschäftigte verdreifacht. Alleine in letzten zehn Jahren ist die Temporärbranche jährlich durchschnittlich um 8% gewachsen. Hingegen verzeichnete das Bruttoinlandprodukt im gleichen Zeitraum lediglich ein Wachstum von 2,6%.

Dies deutet zum Einen klar auf instabile Beschäftigungsverhältnisse und zum Anderen auf volatilere Beitragszahlungen in Vorsorgeeinrichtungen hin. Feste Arbeitsverhältnisse begünstigen ein kontinuierliches Sparen fürs Alter. Bei häufigem Jobwechsel oder Teilzeitpensen wird wegen des Koordinationsabzuges seltener in die Vorsorgeeinrichtung des Arbeitgebers einbezahlt, auch wenn der kumulierte Lohn dies im Prinzip zulassen würde. - Die Folgen sind verheerend.

Eine Studie der Berner Fachhochschule für soziale Sicherheit zeigt deutlich, dass während den letzten 15 Jahren das Armutsrisiko im Alter aufgrund von Vorsorgelücken deutlich angestiegen ist. Beitragslücken können unter anderem wegen Unterbrüchen im Erwerbsleben, wegen temporären Anstellungen oder infolge Scheidung oder Krankheit entstehen. Ein hohes Risiko birgt auch eine berufliche Selbständigkeit, die wie so manchmal nicht wie erhofft erfolgreich verläuft.

Die Teil- und Selbständigerwerbenden aus der Kult- und Kreativwirtschaft sind die Vorboten des gesellschaftlichen Wandels unserer globalisierten und zunehmend digitalisierten Wirtschaft. Viele von ihnen sind zwar initiativ, fleissig und flexibel - arbeiten aber oft am Rande des Existenzminimums. Für die Vorsorge im Alter reicht es dann häufig nicht mehr – und falls doch, ist es oftmals zu spät, um die entstandenen Beitragslücken vollständig zu decken.

Die Fachstelle Kultur schreibt in ihrem Leitbild Kulturförderung 2015, dass viele Akteure aus der Kulturwirtschaft unter prekären Bedingungen arbeiten. Sie leben für ihre Arbeit , ohne Sicherheitsnetz und ohne doppelten Boden. Nicht wenige stehen im Alter mangels sozialer Sicherheit vor existenziellen Problemen. In Zukunft werden sich die schwierigen Arbeits- und Lebensverhältnisse daher eher noch verschlechtern.

Es ist zwar erfreulich zu lesen, dass der Regierungsrat sich der volkswirtschaftlichen Lawine, die auf uns zurollt bewusst ist und die berufliche Vorsorge von Kulturschaffenden in Koordination mit den anderen Kantonen verbessern möchte. Jedoch ist es unverständlich, weshalb er die vorliegende Motion nicht entgegennehmen möchte?

Seit 2009 überweist das Bundesamt für Kultur einen prozentualen Anteil an die Pensionskassen der Empfängerinnen und Empfänger von Förderbeiträgen und Preisen. Diese gesetzliche Regelung hat sich inzwischen bewährt – auch mit Unterstützung der SVP. Das sanfte Zwangssparen hat nicht nur das Bewusstsein der Kulturschaffenden für ihre Altersvorsorge geschärft, - sie trägt auch wesentlich zur Entlastung der öffentlichen Hand bei.

Die fehlenden Altersguthaben von Kulturschaffenden und anderen Working Poors bezahlen die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler via Ergänzungsleistungen. Auch hier gilt wohl das Motto frei nach Karl Marx: «Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren!».

Alleine in den letzten 25 Jahren ist das Ausgabenwachstum für die Ergänzungsleistungen von 200 Mio. auf beinahe 800 Mio. Franken gestiegen! Interpoliert man diese Zahlen nun linear in die Zukunft, so werden wir im Jahre 2040 alleine für die Ergänzungsleistungen 3.2 Milliarden Franken budgetieren müssen. Angesichts dieses drohenden Szenarios können Sie -  meine werte Kolleginnen und Kollegen nun weiter auf die Eigenverantwortung der Kulturschaffenden pochen und warten bis uns der EL-Tsunami erfasst oder aber die Regierung heute zum Handeln aufrufen.

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